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4. Rundbrief Singapore

4. Rundbrief:

am 1. August 1999

Hallo ihr alle,

nun ist es schon eine Weile her, dass ich den letzten Rudnbrief geschrieben habe. Es tut mir leid, dass ich so lange auf mich warten lasse. Ich habe ja auch schon einigen von Euch den Rundbrief seit einiger Zeit versprochen und leider noch nicht geschickt. Nun hier ist er!

Meine Diplomarbeit geht so langsam voran und ich habe nun die Recherchen erstmal abgeschlossen und widme mich der Programmiererei und dem Schreiben der Ausarbeitung. Die muss ich in Englisch machen und das erhoeht natuerlich den Schwierigkeitsgrad. Dank Uebersetzungshilfen (Online-Woerterbuecher) im Internet ist es aber doch moeglich fehlender Worte zu finden. Allerdings ist halt wirklich noch viel zu machen.

Es ist nun schon seit zwei WOchen zur Tradition geworden, jeden Montag zur Happy Hour in eine Kneipe namens "Brewerkz". Happy Hour meint Glueckliche Stunde, bedeutet aber, dass es eine glueckliche Stunde fuer Biertrinker ist, die da nur 1 S$ statt 10S$ fuer einen Becher bezahlen muessen. Das Brewerkz ist hier in Singapore am Boat Quai mitten im teuren Touristengebiet. Da ich nun leidenschaftlicher Nicht-Alkohol-trinker bin, kann ich mich nur mit der 5,66S$-Cola zufrieden geben.

 

Die ist allerdings Refill, also Nachfuellen bis zum Abwinken. (Das kann irgendwann dann mit einem Colarausch enden!) Wir treffen uns dort immer mit zwei anderen hier in Singapore lebenden Deutschen, die wir mal beim Grillen kennen gelernt haben.

Ich habe gehoert, dass die Expats (Das sind die in Singapore lebenden und arbeitenden Auslaender, die meistens etwas reicher sind.) aus Europa oder Amerika es hier nur zwei Jahre aushalten. Darueber kann man verschiedener Meinung sein, aber es ist schon sehr verrueckt. Entweder gehen die nach zwei Jahren, weil sie genug haben, oder sie werden genauso verrueckt.

Ich will mal ein paar Dinge aufzaehlen, die den Europaeer hier ganz schoen aufregen koennen. Die Chinesen koenne ihre Fuesse nicht heben. Alle muessen rumschluerfen, das kann einen echt wahnsinnig machen. Ausserdem geben die beim Essen, in der U-bahn (MRT) und sonst ueberall Geraeusche ab. Das Essen in manchen Food Courts (das sind diese Restaurants mit verschiedenen Staenden drum herum) ist manchmal echt unbeschreiblich. Man liest und sieht, was es sein koennte, weiss aber nicht, was es ist. Es ist nur "Dings". Das Englisch hier ist gar kein Englisch sondern Singlisch. Und letzte Woche war die ganze Stadt durch den Waldbrandgeruch aus Indonesien verseucht. Entweder man hat sich nach zwei Jahren so dran gewoehnt und macht mit, oder man verlaesst das Land. (Nun, ich gahe schon nach einem halben Jahr.)

Weiterhin besuche ich sonntags den Gottesdienst um 9 und habe bis dahin 1 Stunde mit Bus und MRT zu fahren. Unterwegs habe ich es mir jetzt zur Gewohnheit gemacht, Bei DeliFrance zu fruehstuecken. Das ist richtig lecker, denn Ihr wisst gar nicht wie gut Ihr es habt mit Euerm Bort und den Broetchen. Bei DeliFrance jedenfalls kann man richtig nach europaeischer (franzoesischer) Art Broetchen und Baguette essen. Das ist ein richtiges Highlight in einer Woche voller chinesischer Speisen.

Ein weiteres Highlight letzte Woche war der Besuch eine Bibelschule am Donnerstag: Ich bin fruehs von einem ziemlich heftigen Gewitter geweckt worden und dann etwas zeitiger (!) aufgestanden, um dort hinzufahren. Ich brauche immer eine Stunde mit Bus und MRT, um in die Stadt zu kommen. Thomas Harvey ist Doktor fuer Theologie und Ethik und unterrichtet am Trinity Bible College (das ist diese Bibelschule). Er hatte mich letzten Sonntag eingeladen, am Donnerstagsfruehstueck einiger Theologiestudenten teilzunehmen. Wir hatten gemeinsam amerikanischen Kuchen und Kaffee und waren eine sehr internationale Gruppe. Ein Malaye, eine Vietnamesin, 4 Singaporer, 2 aus Nepal, ein Amerikaner (Thomas) und ich. Drei haben aus ihrem Leben erzaehlt und wir haben zusammen am Ende noch fuer sie gebetet. Danach konnte ich noch an einer Unterrichtsstunde von Thomas teilnehmen und mir die Bibelschule angucken. Sie ist eigentlich nicht viel anders als eine in Deutschland, aber doch sehr exotisch. Die Buecher in der Bibliothek sind chinesisch und englisch, und die Lehrer sehr asiatisch, aber die Bibilschulathmosphere ist aehnlich wie in eine Bibelschule in Deutschland.

 

Nun will ich nochwas zum Wohnen in Singapore sagen. Es gibt zwei Konzepte, das ist das staatliche Wohnen in "Sozialwohnungen" und das private Wohnen. Man kann in beiden Wohnungstypen zur Miete wohnen, oder die Wohnung auch kaufen. Allerdings sind beide Wohnungstypen relativ gesehen sehr teuer. Sozialwohnungen kosten bei 80 Quadratmetern 1000-2000 S$, fuer private muss man noch einen Tausender drauflegen monatlich. Das ist allerdings trotzdem bezahlbar, weil der Singapurianer nur 10 Prozent Einkommenssteuer bezahlen muss bei aehnlichem Verdienst. Sozialwohnungen sind meist ohne Fahrstuhl bis in den 15 Stock und sind einfache Betonsilos. (Die stehen hier massenweise rum.) Beton ist ein sehr beliebter Baustoff hier. Die aber sehr viel interessanten Wohnkomplexe sind privater Art und heissen Condomenium. Das ist ein abgeschlossenes Grundstueck mit 4 bis 10 Hochhausern. die alle Fahrstuhl haben und ziemlich luxurioes sind. Allerdings koennen sich nach dem Preisverfall von 3000,- auf 1800,- S$ pro Monat in den letzten Jahren auch Chinesen nicht nur Expats leisten in solchen Condomeniums zu wohnen. Zwischen den verschiedenen Hochhaeusern (Towers) ist meist ein grosser Pool, verschiedene Grillanlagen, Liegestuehle, Tennisplatz, Fitnessraum und viele verschiedene andere Dinge, die das Leben bequemer machen. Dort hielte ich es auch aus, muss ich sagen, allerdings lebe ich hier auf dem Campus in eher spartanischen Verhaeltnissen.

Nun mache ich erstmal Schluss, viele Gruesse aus Singapore,

Euer Matthias

PS: Und gebt den Rundbrief wie bisher an alle Interessierten ohne eMail weiter, danke!

 

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