2. Rundbrief: am 24. Juni 1999 Hallo ihr alle, nun werde ich Euch gleich einen kleinen Bericht ueber meine zweite Woche hier zukommen lassen. Ich sitze im Moment an meinem Laptop in meinem Zimmer. Mein Zimmerkollege aus London ist auch da und hoert lautstark Rush (eine Gruppe aus Canada, die sich nach U2 anhoert). Die Hitze ist ziemlich gross und auch die Ventilatoren aendern daran nur sehr wenig. Es ist um 21.00 Uhr und mein Tag war schon etwas anstrengend. Also, viele meiner Wege sind nun erledigt. Mein Visum habe ich, und das Geld fuer mein Wohnheim musste ich gleich im vorraus fuer die ganzen 6 Monate zahlen. Das hat natuerlich gleich mein Konto etwas belastet, so dass ich vorerst nichts abheben konnte. Dank meiner Bank (DB, keine Schleichwerbung), die mit Rat und Tat zur Seite stand, kann ich jetzt auch gleich wieder Geld holen. Das Ueberleben ist also gesichert. Einige administrative Dinge konnte ich an der Uni allerdings noch nicht erledigen. Die Gebuehren sind zwar alle bezahlt, aber es fehlt noch der Studentenausweis! Ohne diesen kann ich nicht mein Unizugang zum Rechnerpool bekommen. Das ist zwar nicht so schlimm, aber ich kann auch nicht in die Bibliothek, um mir dort Buecher zu meinem Thema auszuleihen. Eine weitere Sache, auf die ich immer noch warten muss, ist ein login und Passwort bei CAMTech (der Firma, in der ich meine Diplomarbeit schreibe). Ich habe also keinen eigenen Speicherplatz usw. und kann noch nicht richtig arbeiten. Ich hoffe, dass die Muehlen hier an der Uni nicht so langsam malen, dass ich da noch laenger als eine Woche warten muss. Mit dem asiatischen Leben hier komme ich halbwegs zurecht. Es wird einem erstmal so richtig bewusst, was man zu Hause alles hat. Alles Dinge, ueber die ich in letzter Zeit nachgedacht habe, die mir an Deutschland gefallen. Z.B. Thueringer Rostbratwurst (aeusserst zu empfehlen), Knoedel mit Gulasch und Sauerkraut (Danke Vati, Du machst das immer am besten!). Auch andere Sachen gibt es hier nicht, z.B. kuehle Vormittage, wenn der Nebel so aus den Taelern aufsteigt und langsam alles erwacht und es noch ziemlich kuehl ist. Hier steht man morgens auf und erwischt wahrscheinlich noch die Tiefsttemperatur von 26°C. So wird jeder hektische Schritt zu einem Schwitz. Dann geht es zum Fruehstueck. Entweder man isst richtig chinesisch (Nudeln, Reis etc.), oder man besucht einen der Obststaende und geniesst tropische Fruechte und Saefte. Das ist fuer den Vitaminhaushalt auch gut! Im Institut angekommen, muss man sofort einen Pullover anziehn, weil es dort mit 23-24°C relativ kuehl ist. Lange Hose und Struempfe sind wegen der vielen Klimaanlagen sowieso angebracht.
Mein erstes Wochenende habe ich hier doch sehr aufregend verbracht. Am Samstag sind wir vormittags noch einmal ins Institut gegangen, um eMails zu schreiben und lesen. Wir (Markus, Christian und ich - alle 3 Diplomstudenten) sind mit unseren Frauen in Deutschland eng verbunden, also auch am Samstag puenktlich zum eMail-lesen am Computer! Der Nachmittag gehoerte dem Marina-Square, wo das Dragon-Boat-Rennen stattfand. In jedem Boot sitzen 22 Ruderer mit einem Kanupaddel. Es war auch eine deutsche Mannschaft dabei. Es waren maessig viele Leute da und auch das Programm war maessig. Was michfasziniert hat, sind die unzaehlig vielen Hochhaeuser hier in der Stadt. Jedes Haus hat min. 10 Stockwerke und gehoert damit zu den kleinen Hausern. Es gibt unzaehlig viele Hotels, Shopping-Center, Parks und Eating-Courts (das sind grosse Restaurants, die viele Sitzmoeglichkeiten und aussen herum Staende mit verschiedenen Kuechen haben. Dort gibt es alles, was asiatisch schmeckt.) McDonalds, KFC, BurgerKing usw. vermisst man allerdings hier in Singapore auch nicht. Der Samstag Abend schloss dann mit einem Kinobesuch. Das Kino ist hier mit 7S$(=7,79DM) ziemlich preiswert im Gegensatz zu Deutschland, ab durch eine uebersteuerte Klimaanlage auch ziemlich kalt. Nach 90 min Film frieren die Fuesse und Arme, weil Sandalen und T-Shirt einfach zu wenig sind. Kommt man ins freie, um den Bus nach Hause zu nehmen, kann man sich draussen aufwaermen und spaetestens im eigenen Zimmer muss man alles ausziehen, weil man die 28°-Schranke erreicht hat.
Der Sonntag war etwas hektisch am Anfang: Aufstehen, Losfahren, unterwegs Fruehstueck bei McDonald und dann 3/4 Stunde Fahrt und Fussweg zum Gottesdienst. Der war von der Christ Church und fand im Pan Pazific Hotel statt. (Ein nobler Konferenzraum in einem Hotel mit mehreren Sterne.) Es waren vielleicht 600 Gaeste zum Gottesdienst. Die Lieder wurden nicht durch ein Instrument begleitet, aber 600 Leute singen ziemlich laut, vor allem wenn vorne 5 Vorsaenger sind. Der Gottesdienst insgesamt war auch ziemlich laut. Als der Pastor predigte, hat er immer an den wichtigen Stellen (und da ist er auch laut geworden) Zustimmung von vielen der Zuschauer bekommen, die das durch ein "Am'en" oder ein "Come on, John!" auszudruecken vermochten. Der Pastor hiess tatsaechlich John! Es war ein typisch amerikanischer und fuer mich sehr ungewoehnlicher Gottesdienst, aber ich durfte mit Abendmahl feiern und es war fuer mich eine Bereicherung. Naechsten SOnntag will ich in die Princep Presbyterian Church und mir den Gottesdienst dort anschauen. (Danke, Grossvati, fuer die Adresse.) Nun gehen die Tage hier so ins Land. Ich denke viel ueber mich und die Zukunft nach. Was wird wohl naechstes Jahr um die Zeit sein? Einerseits verging die letzte Woche wie im Flug. Man steht jeden MOrgen auf, isst sein Fruechtefruehstueck, geht ins Institut und schon ist es irgendwie Abend. Andererseits werde ich hier noch eine ganze Weile sein und den fernen Suedosten geniessen koennen, Euch aber alle mehr oder weniger vermissen. Ich gruesse Euch alle, Gott segne Euch, Euer Matthias |